Haßloch

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Schmatzend schieben sich die Gummilamellen der Zugtür ineinander. Der
hohe Ton der anfahrenden S-Bahn ertönt, wird immer höher, während sie beschleunigt. Ich muss mich ordnen, fast hätte ich den Ausstieg verschlafen und stehe nun – die Hände voll mit Buch, Jacke, Tasche, Flasche – am Bahnhof.

Sie sieht mich viel früher als ich sie. Eine Frau mit modisch blonder Kurzhaarfrisur eilt die Treppe hinauf, Bauch und Busen unter der Viskosetoga wogend, dabei ist ihr Kampf gegen den Fahrplan hoffnungslos, noch bevor sie überhaupt auf der kleinen Ebene in der Hälfte der Treppe ankommt. Gerade als meine schwere Tasche gepackt und geschultert ist, erklimmt sie die letzte Stufe und steht keuchend auf dem Bahnsteig. Ihr Zug ist nicht einmal mehr angeschrieben.

Sie schaut zwischen dem kleiner werdenden Punkt und mir hin und her, als hätte
ich ihr Schicksal noch herumreissen können. Mein ermutigendes Lächeln erstirbt, als mein Blick auf das Schild am Bahnhofsgebäude fällt und ich realisiere, dass ich falsch ausgestiegen bin.

Haßloch. Die weissen Buchstaben auf verblassendem Blau verhöhnen mich förmlichin ihrer Übergrösse. Die eintönige Zweckmässigkeit des deutschen Bahnhofs hatte mich inseiner Auswechselbarkeit ganze 2 Haltestellen zu früh aus dem Zug gelockt. Der vergitterte Fahrplan teilt mir mit, was ich schon ahne: Hier herrscht der Rhythmus des Dorfs. Zwar des grössten Dorfs Deutschlands, doch die nächste S1 kommt trotzdem erst in 55 Minuten.

Meine Stimmung ist denkbar schlecht, während ich durch die angestaute Wärme unter dem plexigläsernen Velo-Unterstand auf den Bahnhofsvorplatz gehe. Hier sieht es aus wie überall. Drei Hochbeete mit Frühlingsbepflanzung in der fahlen Märzsonne, zwei leere Bänke, ein Wegweiser mit 8 Schildern, die mehr oder weniger alle in eine Richtung zeigen; purer deutscher Durchschnitt.

Nicht nur optisch, nein, Haßloch geht noch weiter. Als der Ort mit der bundesweit höchsten statistischen Repräsentativität werden hier seit Jahrzehnten Marktforschung und Studien betrieben.

Zentrum – die Schilder haben mich zum verkehrsberuhigten Rathausplatz geführt.
Gleichzeitig auch verlassener Parkplatz, bildet er die Kulisse für das Rathaus, ein alterndes Glasgebäude aus den 70ern mit kaschierender Betonmaske, auf der noch die Efeuschäden des letzten Gemeindegärtnereieinsatzes zu sehen sind. Bunte Graffiti-Erstlingswerke, die das Jugendzentrum verraten, sind der Blickfang auf dem Platz.

Haßloch

Eine Szenerie wie aus dem Setzkasten: Eine Apotheke, die den klingenden Namen Linda
trägt, zu einer Kette gehört, und vor der die weiss uniformierte pharmazeutisch-kaufmännische Angestellte gerade ihre Zigarette mit der Schuhspitze ausdrückt. Nebenan ein Fielmann, dessen Sonnenbrillen-Ständer Sehnsucht weckt, schräg gegenüber ein Dönerladen und die Chillout-Shisha-Lounge ‚Cheers’.

Ich kaufe mir erstmal eine Brezel und beobachte zwei beleibte Rentner auf dem Fahrrad, die den Platz überqueren. So langsam, dass sie vermutlich zu Fuss schneller wären. Ihnen und der ganzen Welt des Radfahrens ist eine bronzene Skulptur in der Mitte des Platzes gewidmet. Das Radfahrerdenkmal zeigt einen Mann, eine Frau und ein Kind auf Rädern. Sie mit Haube und Entzückung im Gesicht, das Kind samt Fahne im Körbchen, er mit vor unverhohlener Begeisterung aufgerissenem Mund. Jemand hat ein Taschentuch hineingestopft.

Fast hätte ich den Herrn auf einer der Ruheinseln mit Bewuchs übersehen, dessen Gehstock zwischen seinen Knien steckt wie ein Zepter, auf dem seine massigen gefalteten Hände liegen. „Sind Sie von hier?“, fragt er. Er muss seine Stimme etwas heben, hatte ich mich doch auf einer fernen Insel niedergelassen, um einem Gespräch aus dem Weg zu gehen.

Er überhört bereitwillig, dass ich aus der Nähe stamme und plaudert von Haßlochs Ursprung 5000 vor Christus und einer Übernachtung Kaiser Barbarossas Friedrich I. gut 6000 Jahre später. Sein Stock wandert von einer Hand zur anderen. „Nach dem Krieg habe ich meine Frau dann geheiratet“, sagt er, und ich wundere mich wie ihm dieser thematische Sprung gelungen ist. „Wir mussten.“ Er nickt mir zu.

„Sie ist zwei Dörfer weiter aufgewachsen.“ Er nickt wieder. „Hübsch, als sie jung war, aber eigentlich hatte sie ein Allerweltsgesicht.“ Nun nicke ich stumm, denn et-
was zu sagen will mir nicht einfallen. „Haßloch ist das grösste Dorf Deutschlands, habe ich gehört.“, sage ich schliesslich. Sein Zepter ruht. „Das sind wir seit 1972 schon nicht mehr.

Doch Pferderennbahn, Metallverarbeitung, Fass- und Stahlrollenproduktion, wo er jahr-
zehntelang gearbeitet hat, das ist Haßloch. Der Ort, an dem die erste 0.5 Liter Bierdose
das Licht der Welt erblickt hat. Staatlich anerkannter Fremdenverkehrsort, Standort eines leistungsfähigen Windkraftwerks, Zuhause des jährlichen Andechser Bierfests (und das in einer Weinregion!), das ist Haßloch.

Ich betrachte meine verzerrte Reflektion in der verspiegelten Fassade der riesigen Sparkassen-Filiale und muss zwangsläufig an Allerweltsgesichter denken. Eine Frau sitzt auf ihrem Rollator vorm Eingang und nickt mir entweder sehr langsam zu oder mustert mich von oben bis unten, während ich vorbeilaufe. Sie und ihre 20‘000 Nachbarn bestimmen die Zukunft in deutschen Produkteregalen. Die Daten, die die Marktforschung hier in ihren Vorstudien erhebt, stimmen zu 90% mit den späteren landesweiten Ergebnissen überein. Wenn Deutschland ein Allerweltsgesicht hätte, es würde wie Haßloch aussehen.

Meine Zeit hier ist fast abgelaufen. Der Riemen meiner hüpfenden Tasche schneidet
unerträglich in meine Schulter, während ich Richtung Bahnhof renne. Auf dem Gleis fährt schon der Zug ein, als ich noch auf dem Vorplatz die Tauben aufscheuche. Ich stürze mich in die Unterführung, hinunter und wieder hinauf, weiss aber, dass es kaum reichen wird.

Dann die Überraschung: Ein anhaltendes Piepsen, die S1 mit offener Tür, die die dicke Frau mit den blonden, kurzen Haare aufhält. Ihre Augenbrauen verschwinden fast unter den Fransen ihrer Frisur, so weit zieht sie nach oben, als sie mir diesen vielsagenden Blick zuwirft, der mir deutlich machen soll, was ich vor genau 55 Minuten versäumt habe. Es könnte mir nicht gleichgültiger sein, denn alles was zählt: Wir haben es beide raus geschafft; Haßloch liegt hinter uns.


Beitrag zum Reportagen-Workshop „Unorte“.

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