Leiden schafft Kunst

Vincent hat es nicht leicht, seine Vita liest sich wie ein Trauerstück: Hund überfahren, grausame Mutter, keine Freunde, Aussenseiter in der Schule, Hänseleien, unerfüllte Liebe, gebrochenes Herz; nichts als Schmerz und Scheitern. Unzählige Hürden, die das Leben bereithalten kann, liegen bereits hinter ihm, mindestens genauso viele noch vor ihm. Am Ende des Tunnels wartet kein Licht, kein Neuanfang, nichts, das Hoffnung wecken würde.

Vincent ist Autor, Musiker und Künstler. Und so bleibt ihm aus den schmerzvollen Erfahrungen, die jedes neue Kapitel für ihn bereithält, immerhin die Flucht in seine Kunst. Und je tiefer das Tal, das er durchschreitet, umso höher die Qualität, die sein Schaffen erreicht. Vincents Kreativität ist unmittelbar mit Leiden vermengt.

Es war weniger der Schreibstil, als die bestechende Grundhaltung gegenüber künstlerischer Produktion, die mich über die Jahre immer wieder an den Roman denken liess. Vincent strotzt nur so vor Kritik an der Pop-Kultur. Musik, Radio, Fernsehen und die Unterhaltungsbranche allgemein sind im Buch ein einziger Moloch für die  anspruchslose Masse. Und Vincent soll das ändern.

Seine anhaltende Pechsträhne ist komplett konstruiert, denn seit seiner Geburt arbeitet ein Forscherteam kategorisch daran, ihm möglichst viel Kummer zu bereiten. Das beflügelt schliesslich seine Leidenschaft und somit sein künstlerisches Werk. Leiden schafft Kunst.

Jahrhunderte des Leids
Zugegeben, der Gedanke junge Kreative ein Leben lang wie Laborratten zu halten ist ziemlich neu und Science-Fiction. Jetzt könnte man die widrigen Umstände unserer Zeit als Ursache aufführen, doch schon vor Burn-Out, durcheinandergeratener Work-Life-Balance und Orientierungslosigkeit der Generation Maybe waren die Menschen unzufrieden.

Damals lief das ganze zwar noch unter dem Namen Melancholie, aber schon im 3. Jahrhundert v. Chr. beschreibt die Problemata Physica die unheilige Allianz: Warum erweisen sich alle aussergewöhnlichen Männer in Philosophie oder Politik oder Dichtung oder in den Künsten als Melancholiker?

Sicherlich ist das Misstrauen gegenüber dieser Verallgemeinerung – (wirklich alle??) – angebracht, aber die Dualität von Höchstleistungen des Geistes und seiner Umneblung setzt sich durch. Die Verknüpfung von Genie und Wahnsinn ist ein ähnlicher Fall. Bereits in der Antike traten die beiden Begriffe gemeinsam auf, Platon postulierte sogar vier verschiedene Arten des produktiven Wahnsinns.

Im Laufe der Geschichte festigte sich das Begriffspaar immer weiter, sodass heute die Google-Suche zahlreiche Ergebnisse auswirft: Kafka, Strindberg, Wagner, Lynch, van Gogh – sie alle leben und lebten hinter der Floskel Genie und Wahnsinn.

Schmerz als Schlüssel zur Kreativität
Kierkegaard drückt es so aus: Was ist ein Dichter? Ein unglücklicher Mensch, der heiße Schmerzen in seinem Herzen trägt, dessen Lippen aber so geartet sind, dass, während Seufzer und Geschrei ihnen entströmen, diese dem fremden Ohr wie schöne Musik ertönen.

Wenn der Dichter den Schmerz im Innern braucht, um süsse Musik hervorzubringen, entsteht plötzlich eine ungesunde Abhängigkeit. Schmerz und Leid als Droge, die Kreativität freisetzt? Ohne Schmerz gäbe es kein Bewusstsein, treibt Beuys es noch weiter.

Und irgendwie scheint es nicht allzu abwegig, schaut man sich Akteure aus Kunst und Kultur an. Ein Hang zur Melancholie lässt sich da nicht abstreiten. Was wäre Amy Winehouse ohne die schaurig tiefen Abgründe ihres Daseins gewesen? Die Antwort: Die, die Warwick Avenue gesungen hat, gute Stimme, Name leider entfallen. Erst der delirische Seiltanz hat sie zu einer Figur der Zeitgeschichte gemacht, die unsere Kinder noch kennen werden. Duffy (so hiess sie) wohl eher nicht.

Idealisierung des Leids
Mal ehrlich, Skandale ziehen einfach. Oder mit den Worten Kierkegaards: Und die Leute umschwirren den Dichter und sprechen zu ihm: Sing uns bald wieder ein Lied; das heisst: mögen neue Leiden deine Seele martern, und mögen deine Lippen bleiben, wie sie bisher gewesen; dein Schreien würde uns nur ängsten, aber die Musik, ja, die ist lieblich.

So widersinnig es auch erscheinen mag, Leid und Schmerz als sehenswert zu erachten, wurzelt die Umdeutung sehr tief. Eine alte Geschichte: Ein junger Mann, missverstanden und verspottet, verraten von seinen Anhängern. Ein einsamer Kämpfer, der an die Richtigkeit seiner Sache glaubte, der sich aufopfert für die Unwissenden. Nachdem es zu spät war, war das Klagen gross und das Ausmass seiner herausragenden Taten wurde erst bewusst. Nicht Vincent diesmal, sondern Jesus.

Es kam in der jüdisch-christlichen Tradition zu einer regelrechten Ästhetisierung des Schmerzes. Aufopferung für die Sünden anderer, Leiden in der Busse und Reue wechselten sich ab. Der rechte Weg ist zwar steinig, aber an dessen Ende wartet schliesslich ein besseres Leben.

Betrachtet man die Kunstgeschichte, und wie eng sie mit dieser religiösen Tradition zusammenhängt, wirkt der Schluss von Leid zu Ästhetik nicht weitgegriffen. Die Museen sind voll von Kreuzigungsszenen, weinenden Müttern, reuevollen Sündern und leidvoll gen Himmel gerichteten Augen.

Auch andere Disziplinen wie die Musik, die von klingenden Klageliedern erfüllt ist, oder die Theatergeschichte von Passionsspielen in Variation, sprechen dafür.

Als die Kunst sich von der Kirche lossagte und neue Sphären eroberte, fürrte das nicht zum  Untergang der Leidensidealisierung. Im Barock schwelgte man gerne in Vanitas-Gedanken und später sollte sie ihren Höhepunkt im Sturm und Drang erreichen, der Periode der Geniezeit.

Diese gefühlvollen Leidensbrüder schafften es kollektive Traurigkeit einer ganzen Generation heraufzubeschwören. Suizide wurden Ende des 19. Jahrhunderts gesellschaftsfähig und auch die Wissenschaft trug beispielsweise mit Lombrosos geflügelter Beschreibung „Genies mit Geistesstörung“ zu einer positiven Konnotation des Leidbegriffs bei.

Brillanter Jammerlappen – nein Danke!
Braucht es nun Leid, um Schönes zu schaffen? Ich hoffe nicht. Doch die Beweislast der letzten Jahre Kulturgeschichte drückt ein bisschen. Vielleicht ist der Zusammenhang so simpel, dass Künstler und Kreative aus schmerzvollen Momenten einfach nur neues Material gewinnen, aus denen sie ihre schönen Werke spinnen.

Ich erinnere mich an die Schulzeit, als wir den jungen Werther durchleuchteten und wie meine Antipathie mit jedem Seufzer von ihm stieg. Der nagende Gedanke bleibt zwar, dass die Lossagung von der Droge Leid die Gefahr birgt, an der Oberflächlichkeit der Dinge zu verharren. Auf der anderen Seite, nur weil die Tragödie das Gemüt in Bewegung versetzt, ist der steinige doch nicht der Königsweg.

Vielleicht ist das aber eine Huhn-Ei-Situation: War da zuerst das Leid oder das Schaffen? Wer sich schmerzvoll von der Welt abwendet, hat nun mal Zeit, sich in seinem stillen Kämmerchen dem Kreativsein zu widmen. Wer kurz vor dem Nervenzusammenbruch steht, sucht seine Verzweiflung zu kanalisieren. Oder eben anders herum: Kreativsein ist anstrengend. Die Angst zu scheitern, das andauernde Schöpfen aus dem Innern laugen dermassen aus, dass es auf Lang oder Kurz nicht glücklich, sondern melancholisch und trist macht. Schliesslich könnte der Keim des Unglücks in den Künstlern selbst liegen.

Einige Kreative aus meinem Bekanntenkreis haben eine abergläubische Haltung entwickelt, die sie nervös macht, sobald es zu gut in ihrem Leben läuft. Werden sie bald karrieretechnisch dafür zahlen? Ich versuche es entspannter zu sehen; durch das Auf und Ab bewegt sich wenigstens etwas und die Herausforderung liegt nur darin, nicht schon im Sumpf des Selbstmitleids zu dümpeln, sodass man die Impulse nutzen kann.


Essay für die Publikation Schreiben über Schreiben, auf den ich so zerschmetternde Rückmeldungen von Dozenten-Seite bekommen habe, dass ich ihn von der Veröffentlichung zurückgezogen habe. Falls Leiden Kreativität schafft, war diese Feedbackrunde ein Quantensprung…

Further Projects